Rittiner & Gomez

Ein Gespräch

„Die Zeichnung ist immer auch Fragezeichen und Widerspruch.“

Rittiner & Gomez im Gespräch mit der experimenta

Kunstraum alter Werkhof Brig
Kunstraum alter Werkhof Brig

experimenta:
Lieber Herr Rittiner, da Sie die Dezember-Ausgabe der experimenta illustrieren, würde ich Ihnen gerne einige Fragen stellen. In Bezug auf Ihre Kunst, bemerken Sie, sie sei so etwas „wie ein Seismograf, der unsere Wege und Befindlichkeiten aufzeichnet, ohne Anspruch auf Präzision oder Vollständigkeit“. Könnten Sie diesen Satz kurz erläutern?

Rittiner & Gomez:
In dem Skizzenblock, der uns mehr oder weniger immer begleitet, zeichnen wir auf, was uns gerade unter die Augen kommt. Selten gehen wir extra an einen Ort, nur um etwas festzuhalten. Dabei zeichnen wir nie alles, was wir sehen, wir lassen Sachen weg oder fügen Dinge zusammen, die uns gerade passend erscheinen. Zugleich sind sie mehr als das, was sie darstellen. Der Strich und die Art und Weise, wie wir die Skizze gestalten, zeigt mehr auf als nur das, was wir festhalten wollen. Es ist auch einer ständigen Veränderung ausgesetzt.

experimenta:
Ihr Werk ist geprägt von alltäglichen Szenen, die in einer klaren Formensprache wiedergegeben werden. Welche Rolle spielt Ihre Umgebung, sowohl die soziale als auch die natürliche, für Ihre Bilder?

Rittiner & Gomez:
Gomez hilft Rittiner dabei, dass er doch aus seinem engen Umfeld herausfindet. Was aber nicht immer gelingt.

experimenta:
Ihr Atelier befindet sich in Einigen, Teil der Gemeinde Spiez, am Thuner See. Könnte man sagen, dass diese beeindruckende Landschaft Hauptinspiration für Ihre Arbeiten ist?

Rittiner & Gomez:
Obwohl sie es nicht ist, ist es unvermeidlich, dass sie Einfluss auf unsere Arbeit nimmt. Trotzdem, die Landschaft ist vor allem der Ort wo Rittiner seine Freizeit verbringt und nicht als Teil von Rittiner & Gomez unterwegs ist.

experimenta:
Sie betreiben das „Logbuch“ der virtuellen Insel „Isla Volante“. Was hat es mit diesem Projekt auf sich? Und wie lange gibt es die „Isla Volante“ bereits?

Rittiner & Gomez:
Die Isla Volante betreiben wir seit 2001. Sie ist ein Ort, der uns schon als Jugendliche immer begleitete. Am Anfang war er noch namenlos. Ein Ort, wo wir unsere Träume verwirklichen können. Eine Utopie von einer gewaltfreien Welt, in der die Menschen nicht nur die Technik weiterentwickeln, sondern auch als Mensch weiter kommen. Den perfekten Menschen streben wir aber nicht an.
Wie der Name Volante es schon sagt, ist die Insel in einem ständigen Wandel. Anfang 2019 haben wir den ganzen Inhalt gelöscht und neu begonnen. Wir sind selbst gespannt wie die Geschichte der Insel weiter geht.

experimenta:
In Ihrer in Simplon-Dorf verbrachten Jugend entwickelten Sie „eine erzählerische Distanz“, mit der Sie die Welt zu betrachten begannen. Ist die auf der „Isla Volante“ auftretende Figur Joven eine Reflexion Ihres jugendlichen Ichs?

Rittiner & Gomez:
So ist es, aber wir sind immer noch nicht sicher, wie die Figur genau auf die Insel passt. Die Figur macht sich ab und zu auch selbstständig. Zudem sind wir nicht sicher, welche Geschichten auf die Insel passen und welche nicht. Der Junge aus Simplon-Dorf war ja auf der sozialen Ebene kein Leuchtturm.

experimenta:
Ein weiterer Satz von Ihnen lautet wie folgt: „Die Zeichnung ist immer auch Fragezeichen und Widerspruch.“ Würden Sie sagen, dass Ihre Zeichnungen und Gemälde eine politische Dimension aufweisen?

Rittiner & Gomez:
Ja. Wie oder was wir darstellen, zeigt unsere Haltung. Ob wir wollen oder nicht. Zudem veränderte der Blick auf die Welt auch unser Denken. So kann ein Objekt durch einen Standortwechsel etwas ganz anders darstellen und aussagen.

experimenta:
Im November findet, zusammen mit David Ciana, eine Ausstellung Ihrer Werke im Alten Werkhof Brig statt. Hier werden auch Ölgemälde gezeigt. Welche Techniken bevorzugen Sie?

Rittiner & Gomez:
Wir lieben die Malerei mit Öl auf Leinwand und dass wir Bilder über längere Zeit erarbeiten und verändern können. Für die Isla Volante wäre Ölfarbe nicht geeignet, da bevorzugen wir das Skizzenhafte und das Flüchtige der Zeichnung und des Aquarells. Unterwegs sind wir nur mit Papier und Kugelschreiber ausgerüstet. Bei allen drei Techniken beschränken wir uns auf ein Minimum an Utensilien. Zum Skizzieren verwenden wir einen Kugelschreiber, vier Farben zum Aquarellieren und sechs Farben für die Ölmalerei.

experimenta:
Sie bezeichnen sich als „Bildermacher, Maler und Zeichner“, kommt es auch vor, dass Sie Texte für Ihre Bilder verfassen, oder arbeiten Sie dafür zumeist mit anderen Künstlern zusammen?

Rittiner & Gomez:
Die Texte der Isla Volante schreiben wir zum grössten Teil selber. Seit 2001 gab es aber auch neun Mitautorinnen und Mitschreiber, die uns zeichnerisch auch herausfordern.

experimenta:
Es mag manchmal scheinen, als haben die Menschen keinen Bezug mehr zueinander, während Ihre Beziehungen untereinander zerfasern. Inwiefern beschäftigt sie das Zwischenmenschliche? Und: wie würden Sie die Menschlichkeit in der Gegenwart beschreiben?

Rittiner & Gomez:
Das ist das Thema, an dem wir als Mensch und als Bildermacher arbeiten. Eine Arbeit, die uns immer begleiten wird. Selber erleben wir viel Menschlichkeit, aber erschrecken immer wieder, wie unmenschlich und grausam sich Menschen verhalten. Die Hoffnung auf eine gewaltfreie und soziale Welt erhalten wir aufrecht. Sodass die Isla Volante einst Realität wird.

experimenta:
Haben Sie vielen Dank dafür, dass Sie sich die Zeit genommen haben, meine Fragen zu beantworten.

Das Interview für experimenta führte Jens-Philipp Gründler.

Kategorie: Geschrieben · Isla Volante · Presse