galerie zur matze – brig

von Monique Rubin Kunstverein Oberwallis

Meine eigene Kindheit und Jugend war stark geprägt von diesen Bildergeschichten. Nachmittage lang lag ich auf Sofa oder Bett mit einem dieser spannenden Exemplare in der Hand. So wie auch die heutigen Jugendlichen und Kinder. Abgesehen von den Zeitschriften und Comicsheftchen sind auch die Schulbücher gespickt voll mit diesen gemalten Geschichten. Fremdsprachen, vor allem Französisch, lernt man heute mit Bandes Dessinees, gezeichneten, gemalten, aneinander gereihten Bildergeschichten. Diese Comicszeichnungen haben immer wieder Künstler der bildenden Kunst beeinflusst oder auch umgekehrt, die Zeichnungen der Comicszeichner haben in den letzen Jahren einen enormen Qualitätssprung gemacht.

Aber diese 9. Kunst, wie sie sich auch nennt, macht irgendwie Halt vor dem deutschen Sprachraum. In unserm Kanton schafft sie es jedes Jahr bis Siders, ans Festival de la Bande Dessinee, das seit Jahren vor den Sommerferien stattfindet. Von der Stadt Siders finanziell stark unterstützt, findet es bei uns erst seit ein paar Jahren ein schwaches Echo in den Zeitungen. Angouleme, eine Stadt in Südfrankreich gilt als wahres Mekka der Bande Dessinee, inklusiv Fachhochschule für Comicszeichner. Hören sie das Wort Comics, denken doch noch viele Erwachsene an Mickey Mouse und vielleicht an Superman, vorausgesetzt, sie wissen, dass er zuerst auf Papier existierte, ehe er auf der Leinwand durch die Lüfte schwebte. Oder man denkt an eine bestimmte Art deutschen Humors, der oft etwas unter der Gürtellinie angesiedelt ist.

Bei meinem Versuch, die Anfänge dieser Bildergeschichten geschichtlich zu erfassen, bin ich immer wieder woanders gelandet. Manche sprechen von den ersten Höhlenzeichnungen, die in einer Serie von Bildern Jagdgeschichten erzählen, andere meinen die Kirchenfenster seien die ersten Bildergeschichten gewesen, die Heiligenlegenden, bildlich dargestellt, mir erklärenden Texten darunter. Aber dies scheint mir alles etwas weit hergesucht. Ende 19. Jahrhundert war sicher der französische Zeichner Caran d‘ Ame, nachdem die überall bekannten Farbstifte benannt sind, ein Comicszeichner und Autor im heutigen Sinne des Wortes und ganz sicher war Willhelm Busch ein wahrer Zeichner und Texter. Seine Figuren Max und Moritz, oder auch die Witwe Bollte oder vielleicht den Lehrer Böck kennen die meisten. Im Anfang des 20. Jahrhunderts erschienen in den grossen amerikanischen Tageszeitungen die ersten Bildergeschichten. Die Zeit während der grossen Wirtschaftskrise, war das goldene Zeitalter der amerikanischen Comics. Einer Mehrheit der Bevölkerung ging es schlecht, man berauchte Helden, die im hoffnungslosen und kriminellen Alltag mit übernatürlichen Kräften Ordnung schafften: Flash Gordon wurde erfunden, später Tarzan, Superman und Batman. Der Belgier Herge ist sicher der grosse Pionier seiner Zunft in den französisch sprechenden Ländern. Seine Figur Tim, der pfiffige Reporter, sollte der Jugend ein Vorbild sein im antisovjetischen Kampf. Dieser Tim, der in den ersten Büchern ziemlich rassistisch daher kommt, entwickelt sich im Lauf seiner langen Karriere zu einer sehr sympathischen und spannenden Figur. In Belgien entstanden auch die ersten Verlage, die Comicsbücher publizierten.

In der Nachkriegszeit verschwanden die Helden, Superman wurde überflüssig. Die Comics wurden satyrisch und gesellschaftskritisch. Und die Comicsfiguren nahmen Einzug in die Welt der Pop Künstler. Zu den zwei Hauptrichtungen den amerikanischen Comicsstrips und den belgisch-französischen Bandes Dessinees gesellte sich Anfang der 8Oger Jahre die japanischen Mangas. Für viele sind diese Bildergeschichten wahrscheinlich sehr gewöhnungsbedürftig, stellen aber für einige Künstler der zeitgenössischen japanischen Kunst eine wahre Ideenquelle dar. Comics sind oft Kriminalgeschichten, Zukunftsvisionen, Kriegsgeschichten und Spionageaffären. In letzten Jahren wurde aber auch viel klassische Literatur in Comics umgesetzt. Leider muss man gestehen, dass diese Experimente nicht immer gelungen daher kommen, dass oft der Text zu wünschen übrig lässt oder eben die Zeichnung. Aber es gibt heute Comicsbücher, die wahre Kunstwerke sind.

Rittiner und Gomez hat sich auch dieser Kunst verschrieben. Manchmal sind es Geschichten, wie das Polentafest, ein Tag während der Fastnachtszeit im Simplon Dorf oder aber Tagebücher einer Reise mit viel Meer, Wasser und Möwen. Man lässt den Blick schweifen, er bleibt an etwas Bestimmtem hängen, man betrachtet es genauer, eine Möwe durchkreuzt das Blickfeld, man lässt den Blick wieder weiter streifen. Eine Comicsseite wird immer als Ganzes geplant und entworfen. Der Szenenwechsel muss geplant werden, das Herausheben der Details muss geplant werden. Der Comicszeichner muss auch ein Stück weit Regisseur sein. Wie mit der Kamera fokussiert der Maler auf bestimmte Details, die für den Ablauf der Geschichte unerlässlich ist. Grossaufnahmen werden gemacht, ungeachtet des Verschnitts der andern Bildkomponenten. Der Kopf des Kellners ist unwichtig, wenn die Haltung mit der er die Serviette trägt, die Atmosphäre des noblen Restaurants wieder geben soll.

Comicszeichner lieben Landschaften, lieben Städte und lieben Interieurs. Mit oder ohne Personen. Interieurs, die für sich sprechen, Reichtum, Armut, Unordnung, Kleinbürgertum, Luxus ausdrücken, einen wesentlichen Teil der Gesichte erzählen. Die Hotelzimmer von Rittiner und Gomez sprechen von Ruhe. Erzählen die Geschichte von dir und von mir, wenn wir nicht in unsern 4 Wänden Ruhe suchen, wenn wir nicht zu Hause sind.

Wenn wir anonym sein dürfen, in keiner Rolle, ohne Erwartungen der gewohnten Umgebung. Sie sprechen von Privatsphäre herauf beschworen, durch diesen fremden Ort, der für kurze Zeit mein Ort ist, in dem die Diskretion Verpflichtung ist. Die Möbel habe ich nicht ausgesucht, die Bilder an den Wänden erst recht nicht, neben mir wohnen Menschen, die ich nicht kenne, und nicht kennen muss. Es soll mim nicht kümmern, was man von mir denkt, ob man was von mir denkt, morgen bin ich wieder weg. Ich kann Ruhe finden nach einem Reisetag, ich kann gedankenverloren an dem Gästen zusehen, ich weiss nicht woher sie kommen, ich weiss nicht wohin sie gehen.
Diese Hotelbilder strömen Ruhe aus obwohl sie in unglaublich grellen Farben gemalt sind. Es sind nicht Bilder von Hotels die im mir lange im voraus gebucht habe, deren Prospekte ich angeschaut habe, durch deren Internetseite ich bereits zu Hause surfte. Nein, es ist die Geschichte einer Bleibe für eine Nacht, ich komme müde in einer fremden Stadt an, ich suche ein Hotel, ah, dort hinten ist eins, ja, ja sie haben noch Zimmer frei, es sieht gut aus, das Zimmer, keine Klimaanlage die surrt, die Matratze ist nicht zu weich, nicht hart, das Duschwasser ist warm, das Restaurant gleich um die Ecke sah verlockend aus. Es ist die Geschichte von: Ja hier ist gut sein für eine Nacht.

Kunstverein Oberwallis

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